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THEMA: ERLEBNIS-PARADOXON

Erlebnis pur und überall?
Wenn das Nicht-Erlebnis spannend wird

Extase am Strand © Bernd Boscolo / pixelioBesonders die Freizeit- und Tourismuswirtschaft bedient sich schon seit längerem der Tatsache, daß sie ihre Produkte und Leistungen durch die Anreicherung sogenannter „Erlebniselemente“ attraktiver gestalten möchte. Dabei stellt sich die Frage ob wir heutzutage reisen um Erlebnisse zu finden, oder betrachten wir das Reisen als ein weiteres Element eines erlebnisanreichernden Lebensabschnitts?


Doch beim Erlebnis handelt es sich um ein in höchstem Maße individuelles und somit auch subjektives Empfinden, weshalb es kaum möglich ist, Erlebnisse vorsätzlich durch Unternehmen zu produzieren, zu garantieren oder gar zu standardisieren. Außerdem verhalten sich die Nachfrager auch nicht so, wie das die Anbieter gemeinhin erwarten. Diese Verhaltensdiskrepanz hat etwas mit der sogenannten Erlebnisrationalität zu tun, die leider nur sehr wenig vorhersagbar und auch steuerbar ist. Mit dem Begriff der „Erlebnisrationalität“ wird ganz allgemein die nach innen, auf das individuelle Erleben ausgerichtete Wirkung eines Erlebnisses bezeichnet. Demnach müssen Objekte nicht mehr nur den Grundnutzen oder Mehrwerte erfüllen, sondern das eigentliche Erleben des Objektkonsums, die damit verbundenen und erlebten Emotionen, rücken in den Mittelpunkt der Wahrnehmung der Menschen. Doch für sich „augenscheinlich“ irrational verhaltende Zielgruppen kann es keinerlei Vermarktungskonzepte geben, da jegliche Verhaltensannahmen einer validen Grundlage entbehren, auf der gegebenenfalls Marketingmaßnahmen oder Zielgruppensegmentierungen erarbeitet werden könnten. Für die (Tourismus-)Wirtschaft ist dies ein sehr unbefriedigender Zustand, denn Zielgruppen können so nicht zuverlässig erfaßt werden. Dieser Umstand führt dazu, ganz im Sinne der Theorie zur sogenannten Erlebnisökonomie, daß die Wirtschaft die Lösung dieses Problems darin sieht, ihre angebotenen Objekte mit soviel Erlebniselementen wie möglich anzureichern, in der Hoffnung irgendwo schon ein Erlebnis beim Konsumenten zu evozieren. Doch dadurch wird das ganze Dilemma erst deutlich! Würde wirklich alles ständig als Erlebnis zelebriert, würde das Erlebnis per se inflationieren und wäre nichts mehr wert, denn ein Erlebnis wäre dann nicht mehr als Erlebnis wahrnehmbar, da es sich nicht vom Alltagsgeschehen unterscheiden ließe. Das würde paradoxerweise dazu führen, daß letztlich das Nicht-Erlebnis zum Erlebnis mutiert. Das Besondere eines Erlebnisses liegt schließlich darin, daß es dem gegenwärtigen Geschehen - dem Alltagstrott - eine emotional spürbare, nachhaltige und ergreifende Note verleiht, so daß man das Erlebnis, seinen Inhalt wie auch seine Qualität als Differenz zum üblichen Geschehen wahrnehmen und beschreiben kann.


Die Tourismuswirtschaft täte also besser daran, nicht ständig alles als unvergleichliches Erlebnis zu zelebrieren und zu vermarkten. Sie täte besser daran, nicht ständig den Begriff Erlebnis zu verwenden, zu strapazieren. Denn die Überstrapazierung des Begriffs schraubt die Erwartungshaltung der Nachfrager sukzessive in die Höhe. Dies führt langfristig zu immer größeren Enttäuschungen seitens der Nachfrager, und immer mehr Aufwand und Kosten seitens der Anbieter, diese Erwartungshaltung wenigstens „in ungefähr“ zu erfüllen.


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